Jahresprojekt 2014

Nach dem Jahresprojekt 2013 ging es 2014 mit einem weiteren Projekt dieser Art weiter. Diesmal wurde eine Geschichte geschrieben, bestehend aus 365 Sätzen. Ihr ahnt es schon, in 2014 wurde jeden Tag ein Satz formuliert und die Geschichte somit immer weiter aufgebaut.

Die Geschichten aller Teilnehmer könnt Ihr hier nachlesen. Die meine ist nachstehend zum Schmökern eingestellt worden – übrigens wurden auch Bilder dazu erstellt, die Ihr in der passenden Galerie ansehen könnt.

 

Meine Jahresgeschichte 2014 in 365 Sätzen

Nur ein Photo?

1. Einen Moment lang hielt sie noch die Türklinke fest, fühlte das kühle vertraute Metall, klammerte sich haltsuchend daran und ließ ihren Blick über die altbekannten Möbel streifen als könne sie nicht fassen wieder zu Hause zu sein. 2. Durch die unheimliche Stille drang das Zufallen der Tür als sie sich mit dem Rücken dagegen fallen ließ, der Schwere auf ihren Schultern nachgebend. 3. Erst jetzt drang das wilde Hämmern ihres Herzens und das Zittern ihrer Knie in ihr Bewusstsein, ließ sie unkontrolliert zu Boden sacken samt ihrer Tasche, die sie immer noch fest an sich drückte. 4. ‘Endlich zu Hause…’, hallte es durch ihren Kopf ehe sie sich in der Dunkelheit verlor.

5. Das flammendrote Morgenlicht ließ sie mit steifem Nacken und kalten Gliedern aus unruhigen Träumen erwachen. 6. Sich mit klammen Fingern den Schlaf aus den Augen reibend erhob sie sich um in die kleine Küche ihres Apartments zu schleichen. 7. Ohne großes Nachdenken führten die Hände die vertrauten Bewegungen aus, erfüllten den Raum mit Leben bis die Kaffeemaschine schnurrend und schnaubend ihr Werk vollbrachte.  8. Verführerisch entfaltete das begehrte Heißgetränk sein Aroma, der erste Schluck: köstlich und kostbar! 9. Mit den Lebensgeistern kam auch die Erinnerung an die letzten Tage zurück, die ihr jetzt im Sonnenlicht sonderbar unwirklich vorkamen. 10. Was davon war wirklich geschehen? 11.  Und was waren nur Fragmente von Hirngespinsten, die wie Spinnennetze an ihren Gedanken hafteten?  12. Und noch wichtiger: wer konnte ihr dabei helfen? 13. Mit der noch halb vollen Tasse in der Hand suchte sie ihr Telefon, welches sie schließlich mit leerem Akku inmitten von lose umher fliegenden Unterlagen fand. 14. “War ja klar..”, seufzte sie und hätte es am liebsten gegen die Wand geworfen, ließ jedoch einfach nur die Hand sinken und legte das Telefon wieder auf die Unterlagen. 15. Einsamkeit überkam sie wie ein Frösteln in der Nacht, eine silberne Träne war Zeuge ihrer inneren Lähmung, die mit klammen Fingern nach ihrem Herzen griff.

16. Eine zugeworfene Tür riss sie aus ihrer Starre und ließ sie erschrocken herumwirbeln, nur um zu sehen, dass da niemand war. 17. Nur ihre Tasche erblickte sie, die lauernd im kühlen Schatten bei der Tür auf sie zu warten schien. 18. Ihre Tasche… möglicherweise die Antwort auf all ihre Fragen. 19. Sie biss sich auf die Unterlippe, zerrissen zwischen widersprüchlichen Gefühlen. 20. Nichts begehrte sie mehr als zu wissen, wieviel Wahrheit in ihrem Gedankenchaos enthalten war. 21. Doch insgeheim schreckte sie vor dem zurück, was sie erfahren würde. 22. Eine stimmige Erinnerung oder ein verwirrter Verstand waren die möglichen Ausgänge, wenn sie versuchen würde das Geheimnis zu lüften. 23. Umso erstrebenswerter erschien der weiche, dicke, warme Nebel der Unwissenheit, des Konjunktivs, durchbrochen von der nagenden Neugier und zehrenden Zweifel. 24. Am liebsten hätte sie die letzten Tage einfach ausradiert. 25. Wie bei einer Zeichnung bis selbst die Struktur des Blattes verschwunden ist. 26. Noch immer ruhte ihr Blick auf der Tasche, doch sie war nicht gewillt sich damit zu befassen, denn alles in ihr schrie danach sich einfach umzudrehen, es einfach zu verdrängen. 27. Es in eine der hintersten Schubladen zu packen und nie wieder rauszulassen, nie mit jemanden darüber zu sprechen… niemals, nicht in diesem Leben! 28. Sie konnte nicht anders, sie gab dem inneren Druck nach und kehrte mit an Panik grenzender Geschwindigkeit dem Objekt an der Tür ihren Rücken zu. 29. Für einen Moment fühlte es sich besser an, wie der richtige Weg, nur warum war der Klumpen in ihrem Magen dann noch schwerer geworden?

30. Erst jetzt wurde sie des roten Blinkens gewahr, welches von ihrem Anrufbeantworter ausging und fast drohend wirkte. 31. Jetzt wurde ihr auch klar, was sie die ganze Zeit außer Acht gelassen hatte: nur weil sie verdrängen wollte, wollten das andere noch lange nicht. 32. Zögerliche Schritte führten sie zu dem Metalltischchen auf dem der Anrufbeantworter stand, in dessen Inneren eine Nachricht auf sie wartete. 33. Als ihr Finger das abgegriffene, klebrige Gummiknöpfchen nach unten drückte, spannten sich ihre Muskeln wie kleine Bögen an, bereit sofort zu reagieren. 34. Würde man sie nach ihrem Befinden fragen, ihren letzten Erinnerungen in der Hoffnung sie wäre unwissend und ohne Ahnung? 35. “Ähmm… Hi, hier ist Maria, Deine Nachbarin… Bleibt es für morgen bei der Tasse Kaffee bei mir?” hallte durch die Wohnung. 36. Im ersten Moment war sie unfähig irgendeine Reaktion zu zeigen, so absurd kam ihr diese Situation vor, so platt und normal die Nachricht im Vergleich zu ihren Erwartungen. 37. Schließlich zerriss für einen Moment ihr Auflachen, rasch ersterbend und kaum befreiend, die Stille ehe sie sich wieder wie ein Vorhang um sie schloss. 38. So erleichtert sie auch war, dass keiner nach den letzten Tagen fragt, so war ihr bewusst geworden, dass davon laufen keine Option war, die sie für sich beanspruchen konnte. 39. Sie musste sich dem Ganzen stellen.

40. Die Nacht im eigenen Bett schien wie eine kleine Kur gewirkt zu haben, so ausgeruht fühlte sie sich nach fast 12 Stunden eines tiefen, glücklicherweise traumlosen Schlafes. 41. Während sie das Bad mit dem Wasserdampf einer heißen Dusche füllte, die Küche mit Kaffeearomen anreicherte und so langsam in den Tag startete, ging sie in Gedanken ihr Vorhaben durch. 42. Für die Umsetzung brauchte sie erst einmal ihre Tasche, genauer gesagt den Inhalt davon. 43. Vorsichtig, als hätte sie Angst auch nur eine Kleinigkeit zu beschädigen, holte sie aus den Tiefen des Stoffes ihre Kamera hervor, die im Tageslicht leicht schimmmerte. 44. Während andere ihre Kamera nur milde belächelten, war dieses kleine Stück Technik einer ihrer liebsten Schätze. 45. In ihrem Kopf hallten die Sätze ihrer Freund wider, die immer wieder das Gleiche fragten: “Warum photographierst Du nicht digital?” 46. Und so oft sie es auch erklärte, so oft wurde sie einfach nicht verstanden, so oft wurde einfach nur der Kopf geschüttelt als wäre es eine kindische Spinnerei ihrerseits. 47. Sie verstanden einfach nicht den Reiz der Unkenntnis, ob ein Bild wirklich etwas geworden war, ob es wirklich den Vorstellungen entsprach oder am Ende nur eine verblassende Erinnerung vor dem inneren Auge sein würde. 48. Sie verstanden nicht, dass der Reiz darin bestand auf die Entwicklung zu warten und erst am Ende zu sehen, was man wirklich erreicht hatte.

49. Ihre Finger fanden den kleinen Knopf, mit dem man vorzeitig zurückspulen konnte und mit Hilfe eines Fingernagels drückte sie ihn leicht ein, ein gleichmäßiges Surren ertönte und ließ die Kamera leicht vibrieren.  50. Ein kleines Klacken verkündete das Aufspringen des Filmfachs und somit den Beginn des Wartens bis sie die Bilder in den Händen halten würde. 51. Vorsichtig, als hätte sie ein filigranes, gerade zu leicht zerbrechliches Objekt vor sich entnahm sie die kleine Filmrolle, die sich in die Wölbung ihrer Hand schmiegte. 52. Welche Geheimnisse es wohl verbarg und bald offenbaren würde? 53. Oder würde sie am Ende gar nichts sehen, die jetzt schon langsam verblassenden Erinnerungen als Hirngespinst abstempeln? 54. Sie hatte überlegt, ob sie diesmal nicht selbst entwickeln sollte, die notwendigen Mittelchen lagerten in ihrem Schrank und so würde niemand anderes die Bilder zu Gesicht bekommen. 55. Doch bisher hatte sie es nur wenige Male wirklich probiert und die Ergebnisse waren nicht wirklich zufriedenstellend gewesen. 56. Und gerade bei diesem speziellen Film wollte sie nicht riskieren, dass sie am Ende nur mit einem Haufen Schemen gebannt auf Photopapier zurück blieb. 57. Somit hatte sie sich entschieden den Film zu ihrem Lieblingsentwickler Mark zu bringen, welcher schon seit Jahren ihre Werke ans Licht brachte. 58. Wenngleich sie auch hier mit sich gerungen hatte, schließlich kannten sie sich schon recht lang und redeten auch über ihre und seine Photos. 59. Ein Kommentar würde somit nicht ausbleiben, sie gar in Erklärungsnot bringen. 60. Doch aus dem gleichen Grund, warum sie nicht selbst entwickeln wollte, wollte sie den Film auch nicht in ein ihr unbekanntes Labor geben. 61. Wobei… es stimmte so nicht ganz, es gab noch einen weit wichtigeren Grund. 62. Bei Mark würde sie dessen Stillschweigen beeinflussen können und dieses lag ihr fast noch mehr am Herzen als die Qualität der Bilder.

63. Sie packte die Filmrolle in die passende Dose, die sie ebenfalls in der Tasche aufbewahrt hatte, griffbereit neben den anderen noch leeren Filmen. 64. Sollte sie ihre Kamera mitnehmen auf dem Weg in die Stadt? 65. Es würde sich merkwürdig anfühlen, wenn sie es nicht machen würde. 66. Allerdings fühlte es sich auch aktuell nicht richtig an, die Kamera mitzunehmen. 67. Schwer seufzend verschloss sie die Kameratasche und packte den zu entwickelnden Film in ihre kleine Handtasche, deren Stoff während der letzten Jahre merklich dünner geworden war. 68. Prüfend betrachtete sie den Inhalt der Tasche, ob nicht doch noch etwas fehlte, wie es ihr schon oft passiert war. 69. Auch das Buch um sich im Park ein wenig die Zeit zu vertreiben schlummerte noch unangetastet darin.

70. Noch stand die Sonne strahlend am Horizont, es war schon ein blendendes Saphierblau, welches ihr Gemüt ein wenig zu erhellen versuchte. 71. Fast unbewusst formten ihre blassen Lippen ein kleines Lächeln, welches ihre Augen jedoch nicht zu erreichen vermochte. 72. Eigentlich würde es nicht schaden den Tag einfach auf dem Balkon zu verbringen und im Sonnenlicht ein Buch zu lesen. 73. Für einen Moment gab sie sich der Träumerei hin ihr Vorhaben zu verschieben. 74. Wie schön es doch wäre sich einfach nicht damit zu befassen und faul in der Sonne zu liegen. 75. Doch eine kleine, penetrante Stimme in ihr flüsterte ohne Unterlass sich endlich loszureißen von der süßen Idee. 76. Ein leichtes Grummeln entfuhr ihr, ehe sie sich einen Ruck gab, der fast schon etwas krampfartiges hatte. 77. Ohne sich noch ein weiteres Mal umzusehen nahm sie ihren Schlüssel von der Kommode neben der Tür und verließ die Wohnung, ihre Zuflucht. 78. Sorgfältiger als sonst versicherte sie sich, dass sie ihre Tür doppelt abgeschlossen hatte. 79. Etwas, was sie sonst eher vernachlässigte, so sehr war sie oft in Gedanken schon viele Meter weiter.

80. Rauschend wie ein Wasserfall brauste der Verkehr vorbei, ein Band von Farben und Reflexionen. 81. Einen kurzen Blick nach links werfend wandte sie sich nach rechts. 82. Auf dem Fußweg war kaum Betrieb, abgesehen von ein paar Kindern, deren Schule wohl bereits zu Ende war. 83. Erst gegen Abend, wenn die Büros und Fabriken ihre Arbeiter freigaben, würde sich der Weg bevölkern. 84. Und alle würden nur einem Ort entgegen streben: zu Hause! 85. Auch sie würde sich wohl darunter befinden. 86. Zumindest hoffte sie das.

87. Ihre Füße fanden ohne ihr Zutun den richtigen Weg, der sie zuerst über abgewetzte glänzende Pflastersteine, später über rissigen, farblosen Asphalt und zum Schluss über noch neu wirkende Steinplatten mit rostrotem Muster führen würde. 88. Und wie der Weg wandelte sich auch das Gesicht der säumenden Häuser. 89. Von schäbig zu glanzvoll, durchbrochen von den Lücken, die Abrissbirnen geschaffen hatten. 90. Jene wenigen Touristen, die sich doch einmal in diese Stadt verirrten, sahen meist kaum mehr als die blitzende und strahlende Innenstadt mit ihren Glasfassaden, Blumenbeeten und zahlreichen Springbrunnen. 91.Sie entdeckten nicht mehr als die schöne Maske der Fördergelder für die Sanierung denkmalgeschützter Objekte. 92. Konzentriert auf ihr Ziel nahm sie den Cocktail aus Gesprächsfetzen, heiterem Lachen, einvernehmlichen Schweigen und dessen Nuancen um sich herum gar nicht war. 93. Selbst der Farbenspiel der neuesten Mode, Blüten und Auslagen drang nicht in ihr Bewusstsein.

94. Hingegen kämpfte sie gegen den wieder aufgetauchten Widerwillen, den Film zur Entwicklung zu bringen, an, der wie ein starker Fluss gegen ihre Bewegungen drängte. 95. Doch im letzten Moment umdrehen und es einfach lassen? 96. Ein verführerischer Gedanke, doch einer, dem sie nicht nachgeben wollte. 97. Wo war nur die Energie, die Zuversicht, diese vorantreibende Gefühl von heute Morgen geblieben? 98. Scheinbar war sie schon verpufft, als sie die ersten Hochglanzmagazinteenies gesehen hatte, die puppenähnlich durch die Straßen stolzierten. 99. Während sie weiter grübelte, zweifelte und gegen sich selbst kämpfte, drangen auch die ganzen Eindrücke der Umgebung in ihr Bewusstsein vor. 100. Den Trubel um sich herum betrachtend blieb sie stehen, wurde zum kleinen Felsen im Flusslauf, der nur sieht, aber nie handelt. 101. Nur so hatte sie sich nie gesehen, und hatte sich gegen so eine Einstellung immer gewehrt, während sie nun in genau dieser Haltung hier stand.

102. Die Fäuste ballend richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf, wenngleich diese mit ihren 155 Zentimetern kaum ins Gewicht fiel. 103. Doch manchmal machte es doch etwas aus aufrechter Weise durch das Leben zu gehen. 104. Es war in diesem Moment jedoch auch ihre Genervtheit ob ihrer Wankelmut, die sie davon abhielt aufzugeben. 105. Sonst schwankte sie doch auch nicht, wenn sie einmal eine Entscheidung gefällt hatte, während dieses Mal ihre Laune immer wieder zwischen zuversichtlich und verzweifelnd pendelte. 106. Entsprechend ausgelaugt fühlte sie sich, als hätte sie die Nacht wachend verbracht um den frühen Sonnenaufgang als Zeichen für den ersten Kaffee wahrzunehmen. 107. Sich die Augen reiben blickte sie sich um, nur um festzustellen, dass sie ohne es zu merken schon fast bei ihrem Ziel angekommen war. 108. Im Schatten der gegenüberliegenden Häuserfronten duckte sich der Laden im alten Fachwerkhaus zwischen einem Glasfassadenmodecenter und einem Haus aus Beton, Stahl und Kälte.  109. Noch weigerte sich der Besitzer standhaft das Haus zu verkaufen, damit es dem umgebenden Stil angepasst würde.  110. Sie schmunzelte, wie sie immer schmunzelte wenn sie die schrägen Balken, schmutziggrau getünchten Mauern und blinden Fenster erblickte, die in ihr immer eine sanfte Welle von Heimatgefühlen auslösten.

111. “Home, sweet home” murmelte sie leise als sie sich der notdürftig reparierten Tür näherte. 112. Vor einigen Wochen hatte Mark die Tür offen, das Glas zerbrochen in ein bizarres Puzzle verwandelt und die Einrichtung vom Einbruch zeugend vorgefunden. 113. Trotz des Verlustes hatte Mark nicht aufgegeben, wenngleich sich bis jetzt keine neuen Kameras in seinen Auslagen befanden bis auf eine alte zweiäugige Spiegelreflex. 114. Ob er wohl weiter gemacht hätte, wenn seine letzte Erinnerung an vergangene Zeiten ebenfalls gestohlen worden wäre? 115. Ein Gewissensbiss ließ sie das Gesicht verziehen als sie daran dachte, dass sie überlegt hatte diesmal die Bilder nicht bei ihm entwickeln zu lassen, wo er doch mehr denn je treue Kunden brauchte. 116. Ihr Blick ging nach innen, wo sie seine hochgewachsene Gestalt über den Tresen gebeugt vorfand während er scheinbar einen Katalog betrachtete. 117. Vor ihm stand rege gestikulierend und immer wieder auf bestimmte Textstellen zeigend ein älterer Herr in einem feinen und offenbar teuren Anzug.  118. Der Mimik ihres Freundes nach zu urteilen schien er über den Besuch jeder nicht erfreut zu sein. 119. Sie erkannte es daran, wie bemüht er war sein Lächeln nicht entgleiten zu lassen während die Kinnmuskeln unentwegt arbeiten als wolle er etwas sagen, um es doch zurück zu halten. 120. Doch es waren vor allem seine Augen, deren an ein Raubtier erinnernder Ausdruck verriet, was er von seinem Gegenüber hielt. 121. Ob sie später wiederkommen sollte?

122. Ihre Finger, die schon auf der Klinke gelegen hatten, zogen sich zurück und blieben unschlüssig einen Moment in der Luft hängen. 123. Langsam ließ sie die Hand sinken, während ihr Blick noch in das Innere des Ladens gerichtet war und sie sehen ließ wie aus einer sachlichen Diskussion ein emotionaler Streit wurde. 124. In dem Moment begegneten sich ihre Blicke, seine leicht überrascht und ihrer überzogen von Resignation. 125. Es war eine Resignation angesichts dessen, dass kurz bevor sie doch gegangen wäre, das Schicksal offenbar einen anderen Plan verfolgte. 126. Ihre Mundwinkel zuckten kurz um ein Lächeln zu formen während sie die Augenbrauen fragend hochgezogen mit dem Kopf in Richtung seines Besuchers nickte. 127. Eigentlich hatte sie schon fast ein Kopfschütteln erwartet, nein, sogar erhofft doch er winkte sie nur mit einer knappen Geste herein. 128. Sein Gegenüber hatte trotz seines gestenreichen Erzählens die Regungen von Mark bemerkt und drehte sich mit einem Ausdruck rum, in welchem neben Verärgerung noch Verwunderung mitschwang. 129. Ob die Verwunderung daher rührte, dass auf einmal ein Kunde vor der Ladentür verharrte oder ob ihrer Erscheinung, konnte sie nicht sagen, doch diese Augen kamen ihr seltsam vertraut vor. 130. Doch sie konnte, so sehr sie es auch zu fassen versuchte, die dazugehörige Erinnerung nicht heraufbeschwören. 131. Andererseits wäre es nicht das erste Mal, dass sie Szenen aus gesehenen Filmen mit der eigenen Vergangenheit vermischte und manche Leute versuchte wieder zu erkennen, die sie aber noch nie zuvor gesehen hatte. 132. Innerlich den Kopf schüttelnd betrat sie den zu klein wirkenden Laden, ein verhalten klingendes “Guten Morgen” auf den Lippen.

133. “Sie werden sich bei mir melden…”. 134. Die tiefe Stimme vibrierte vor Selbstbewusstsein und ließ keinen Zweifel, dass es sich hierbei um eine Feststellung, eine sichere Prognose handelte und keine Frage oder gar Bitte. 135. Nur einen Wimpernschlag später war er bereits hinaus geeilt, das Schlagen seine aufbauschenden Mantels hallte in ihren Ohren nach. 136. Sanft klickte die Ladentür ins Schloss und ließ die beiden umhüllt von lähmender Stille zurück. 137. Es war jene Stille, die sich bis unendliche ausdehnen konnte und bei welcher sich am Ende niemand traute sie zu durchbrechen aus dem törichten Gedanken heraus sich falsch zu verhalten. 138. Die Mundwinkel zu einem ironischen Schmunzeln verzogen durchbrach sie das Schweigen: “Ein neuer Freund?” 139. Schnaubend schüttelte Mark den Kopf, mit einer Hand abwinkend und die Augen blitzend vor verhülltem Ärger. 140. “Nur wieder jemand, der sich diesen Laden unter den Nagel reißen möchte. 141. Und denkt, dass er mich mit einem Anzug und schöngeistigem Gerede überzeugen kann…” 142. Seine Worte wirkten wie Pfeile, die er seinem vorherigen Besucher mit tödlicher Präzision hinterher schickte. 143. Es war nichts Neues, dass immer wieder jemand diese Ladenfläche, die in einem Vorteilhaften Viertel gelegen war, für sich beanspruchen wollte. 144. In letzter Zeit schienen sich die Besuche kaufwütiger Interessenten jedoch zu häufen, seiner Laune nach zu urteilen. 145. “Müsste es sich nicht eigentlich mittlerweile herum gesprochen haben, dass es für Dich keinen Grund gibt den Laden zu verkaufen?” 146. Sein Blick wanderte zu seinen Fingern, die rastlos über die schon vor Abnutzung glänzende Kante der Kassentheke huschten.  147. Verlegenheit schlich sich in seine Bewegungen und als er wieder aufblickte schienen seine schmutziggrünen Augen um Entschuldigung zu bitten.  148. “Was ist passiert?”

149. Spinnwebengleich hing die Frage zwischen ihnen… klebrig, hemmend und lauernd. 150. Mit beklemmendem Herzklopfen hörte sie seine Stimme, die die Frage, welche sie hatte stellen wollen, zu ihr herüber trug. 151. Trocken fühlte sich ihre Kehle an, kratzig wie nach einer Wanderung durch die Wüste während ihre Augen Halt suchend von einem Punkt zum nächsten schwirrten. 152. Ihr war nicht klar gewesen, dass man ihre Verunsicherung so deutlich erkennen konnte und noch weniger war ihr bewusst, wie sie jetzt reagieren sollte. 153. Schwer schluckend und gegen erste drängende Tränen ankämpfend winkte sie ab, murmelte etwas von einer viel zu kurzen und aufregenden Nacht und hoffte ihn überzeugen zu können. 154. So sehr sie versuchte seinem Blick nicht auszuweichen, gelang es ihr doch nicht ganz. 155.  Hastig und über ihre eigene Worte stolpernd, lenkte sie von sich ab, Zuflucht in einer Gegenfrage findend.  156. “Was ist mit dem Laden…?” 157. Insgeheim befürchtete sie, dass der letzte Einbruch die Kunden fernhielt in Sorge um die Kameras und Filme, die sie in Obhut gaben. 158. Andererseits hatte Mark diesen Laden von seinem Vater übernommen und dieser wiederum ebenfalls von seinem Vater. 159. Ein Traditionsgeschäft dieser Art konnte man nicht einfach entwurzeln oder vertreiben, zu stark war es im Grundgedanken der Stadt verankert. 160. Sein nervöses Räuspern kratzte durch die angespannte Luft zwischen ihnen. 161. Ihr Herz wurde schwer, es bedurfte keiner großen Worte seinerseits um zu vermitteln, dass er sich in einer Sackgasse befand.

162. ‘Geschlossen’ stand in schon leicht verblassten, alten Buchstaben auf dem vergilbten Schild mit den abgegriffenen Ecken. 163. Es hing, die Seite der Sonne zugewandt, die auf anderen Seite grell schien, Besucher abweisend an der Glastür mit dem Muster aus fettigen Fingerabdrücken. 164. Unbarmherzig suchten sich die Sonnenstrahlen einen Weg über die Holzdielen und Regalbretter, offenbarten jeden noch so kleinen Makel.  165. Gedankenvoll mit Sorgenfalten auf der Stirn betrachtete sie die Szenerie durch die offen stehende Tür, die ins Hinterzimmer führte, wo sie mit Mark an einem schlichten IKEA-Tisch saß. 166. War sie die letzten Male blind gewesen oder hatte sie einfach die Zeichen nicht sehen, nicht wahrhaben wollen? 167. An ihrer Unterlippe nagend kämpfte sie gegen ihr schlechtes Gewissen und überlegte, ob sie die Entwicklung hätte aufhalten können. 168. Wann war der Wendepunkt gewesen, ab dem es nicht mehr aufzuhalten gewesen war? 169. Was hatte sie übersehen? 170. “Man kann nichts übersehen, was nicht sichtbar ist…” 171. Erstaunt blickte sie Mark an bis ihr klar wurde, dass sie ihre Gedanken ohne es zu bemerken laut ausgesprochen hatte. 172.  “Nicht sichtbar… wo es doch eigentlich offensichtlich ist…”, murmelte sie leise. 173. In ihrem Hinterkopf nagte es, dass sie es nicht vorher bemerkt hatte, wenngleich ihr der Grund insgeheim durchaus bewusst war. 174. Obwohl sie zu den langjährigen Stammkunden gehörte, war sie nur noch selten hier zu Besuch seitdem sie begonnen hatte selbst zu entwickeln. 175. Umso mehr schmerzte es sie diese Entwicklung zu sehen. 176. “Erzähl es mir.”, bat sie leise mit gesenktem Blick.

177. Während ihre Finger die weiche Form der Keramiktasse nachfuhren dachte sie über das Gesagte nach, dass im Raum noch nachzuklingen schien. 178. In ihrem Kopf wirbelten die Sätze durcheinander und sie versuchte eine Ordnung in das gedankliche Chaos zu bringen. 179. Die Stille um sie herum weitete sich aus, doch sie war nicht in der Lage eine vernünftige Antwort zu finden. 180. “Weswegen warst Du eigentlich vorhin vorbei gekommen… nach all den Wochen?”, fragte er mit Augen, die sich zu durchleuchten schienen. 181. Räuspernd strich sie sich eine der hartnäckigen Strähnen aus dem Gesicht. 182. Ihre Finger der rechten Hand nestelten an dem Reißverschluss ihrer Handtasche. 183. Schließlich gab sie sich einen Ruck und öffnete ihre Tasche, dabei fielen ihre Haare wie ein Vorhang zwischen sie und Mark, der sie immer neugieriger werdend anblickte. 184. Umständlich lange kramte sie im Inneren herum obwohl sie längst wusste, wo sich die Dose befand, da sie diese in ein extra Innentäschchen gepackt hatte.  185. Zögerlich und zugleich krampfig umfassten ihre Finger die Filmdose und beförderten sie ins schale Licht der Energiesparlampe. 186. “Ich… ähm… wollte den hier entwickeln lassen.” 187. Ein feines Stirnrunzeln erschien auf der Stirn von Mark als sein Blick zwischen der kleinen milchiggrauen Dose und ihren braungoldenen Augen pendelte. 188. “Entwickelst Du nicht eigentlich mittlerweile selber?” 189. Nickend gab sie ihm Recht.  190. “Schon… Aber ich möchte diesen Film lieber in erfahrene Hände geben.” 191. Immer noch mit Denkfalten auf der Stirn nahm Mark die kleine Dose und drehte sie nachdenklich hin und her als könnte er so ihr Geheimnis entschlüsseln. 192. “Was hat es mit dem Film auf sich, dass Du so herumdruckst?”

193. Verdammt, in all der Aufregung hatte sie vergessen sich auf diese Frage auch noch eine Antwort parat zu legen. 194. ‘Lass Dir was einfallen!’ 195. In ihrem Kopf schossen Gedankenstimmen durcheinander, sich gegenseitig mit Lösungen übertrumpfend, doch keine davon war mit Hand und Fuß. 196. “Ich weiß es nicht.”, flüsterte sie leise. 197. Genau genommen war es nicht einmal gelogen. 198. Genau genommen wusste sie nicht mehr, was wirklich auf dem Film war und was sie nur befürchtete photographiert zu haben. 199. Es hätte seinen skeptischen Blick nicht gebraucht als er fragte, ob er das wirklich glauben solle. 200. Wie ein Kind, dass man beim Mopsen aus der Keksdose erwischt hatte, nickte sie. 201. “Schön, ich schätze, die Bilder werden mir wohl mehr erzählen als Du.” 202. Eine teilweise Erleichterung machte sich breit nachdem sie diese Hürde erst einmal überwunden hatte. 203. “Wann kann ich die Bilder bei Dir abholen?” 204. Am liebsten würde sie gleich hier bleiben und ihm dabei zu sehen, wie sich unter seinen Händen ihre Bilder nach und nach ins Licht kämpften. 205. Allerdings war Mark in dieser Hinsicht sehr eigen und hatte bisher noch niemanden erlaubt ihm auch nur für eine Minute über die Schulter zu blicken bei seinen Arbeiten. 206. Sich nachdenklich am Kopf kratzend blickte er sich in dem Hinterzimmer um, scheinbar unschlüssig wieviel Zeit er benötigen würde. 207. “Ich bring Dir die Bilder vorbei, sobald ich fertig bin und ruf’ vorher an.” 208. Enttäuschung wallte in ihr auf und umspülte ihr Herz wie die tosende Brandung einen freistehenden Felsen umschließen würde. 209.  Sie wusste, was diese Worte bedeuteten. 210. So sehr sie auch versuchte sich diese Gedanken nicht anmerken zu lassen, konnte sie doch nicht verhindern, dass ein kleiner halb unterdrückter Seufzer entwischte. 211.Keine Sorge, spätestens morgen nachmittag hast Du sie vor Dir liegen.” munterte Mark sie mit einem leichten Lächeln auf. 212. Auch wenn sie das etwas beruhigt, so nagte doch die Frage an ihr wie sie bis dahin die Minuten und Sekunden verbringen sollte, die zwischen ihr und den Bildern standen. 213. Freie Tage bargen neben all den Freuden auch manches Leid, wenn es um das Füllen von zu viel Zeit ging, die vorbei tröpfelte.

214. Draußen vor dem Laden blinzelte sie einige Male bis sich ihre Augen an die gleißende Helligkeit gewöhnt hatten. 215. Es kam ihr fast vor als wäre sie für einige Stunden in einer anderen Welt gewesen, so weit entfernt kam ihr jetzt das Hinterzimmer in dem kleinen staubigen Laden vor. 216. Suchend blickte sie sich um, wenngleich sie nicht wusste, nach was sie eigentlich Ausschau hielt.  217. Eigentlich wollte sie nur einen Wink, wohin sie sich nun wenden sollte, um dem Ticken der Zeit zu entkommen.  218. Auf der anderen Straßenseite fütterte ein altes Ehepaar sich gegenseitig mit Eis und strahlten als wären sie noch siebzehn und frisch verliebt.  219. Etwas weiter die Straße runter rangelten ein paar nicht mal pubertäre Jungs um einen kleinen Fußball, schubsten sich lachend gegenseitig zur Seite und nach vorn, ungeachtet ihrer Umgebung.  220. Sich von der Szenerie lösend wandte sie sich in die einzige Richtung, die ihr in den Sinn kam.  221. Einen Schritt nach dem anderen setzend trugen sie ihre Füße dem kleinen Café in der Nähe des Parks entgegen, der zu dieser Jahreszeit dicht bevölkert war.  222. In dem Café verbrachte sie gerne die späten Nachmittage bei einem Milchkaffee während sie das Treiben um sich herum beobachtete und sich fragte wohin manche gingen und manche kamen.  223. Ob wohl Tina heute Dienst hatte?  224. Wenn es um die Zubereitung von Milchkaffee ging, war Tina einfach unübertrefflich genial.  225. Sie kochte nicht einfach Kaffee, sie zauberte so mit den Aromen, dass man sich jedes Mal in eine andere, magische Welt entführt fühlte.  226. Man konnte mit jedem Schluck ihrer köstlichen Kreationen ein Stück der eigenen Sorgen einfach vergessen, zumindest für eine Weile.

 227. Einladend stand die grün lackierte Tür offen, auf welcher der Chef in liebevoller Kleinarbeit stilisierte Lilien passend zum Namen gezeichnet hatte.  228. ‚Café Lirio Blanco‘ stand auf dem im Wind wiegenden Schild über dem Eingang.  229. Es fühlte sich fast wie nach Hause kommen an als sie über die Schwelle trat, die so vertrauten Stuhllehnen und Gemälde erblickte und vom Duft nach warmer Milch, Kakao und Kaffee in der Nase gekitzelt wurde.  230. Zuerst erblickte sie Alfred, welcher seit Jahren jeden Tag in dieses Café kam, in alten zerlesenen Büchern las und gerne mit anderen lange intensive Gespräche führte ungeachtet des Themas.  231. Er hob zur Begrüßung kurz lächelnd den Kopf bevor seine Augen wieder bedächtig den Zeilen vor ihm auf dem Tisch folgten.  232. Sie bahnte sich einen Weg durch die Sitzgelegenheiten und fand sich schließlich unter den Sonnensegeln wieder, die sich über die gepflasterte Terrasse spannten.  233. Das Glück war ihr hold.  234. Am anderen Ende des Freibereiches entdeckte sie Tina, deren karamellfarbenen, kurzen Haare vom leichten Wind zerzaust wurden.  235. Nur noch wenige Tische waren frei dank des einladenden Sonnenscheins, so dass sie sich schließlich für den kleinen Tisch neben dem Springbrunnen entschied, dessen Wasser sanft in die Steingutschale plätscherte.  236. Wie bei jedem Besuch in ihrem Lieblingscafé studierte sie das Angebot der Kaffeespezialitäten, obwohl sie wie sonst auch schon längst wusste, was sie bestellen und genießen wollte.  237. „Ich würde Dir zu gerne unseren dieswöchigen Moccha mit Karamellschokolade anbieten, wenn es denn Sinn machen würde.“  238. Tinas Stimme drang vor Heiterkeit vibrierend an ihr Ohr und ließ sie den Kopf drehen.  239. Wieder einmal fragte sie sich woher ihre Freundin diese nie versiegende Fröhlichkeit nahm, mit der sie jede noch so trübe Laune heben konnte.  240. Angesichts der vertrauten, lockenden Begrüßung huschte ein Schmunzeln über ihr Gesicht während ihr Kopf bereits zu einem ablehnenden Schütteln ansetzte.  241. Obwohl das Angebot von Tina auch an jenem Sommertag verführerisch klang, bestellte sie sich ihren heiß geliebten Milchkaffee mit extra Espresso und ein Stück der Erdbeer-Bisquit-Sahne-Rolle, welche ihr vorhin beim Eintreten ins Auge gefallen war.  242. „Kommt sofort“ schnurrte Tina munter und wirbelte in Richtung der kleinen Küche.

 243. Den Stuhl leise zurück schiebend stand sie auf und angelte sich von dem Nachbartisch die ausliegende Zeitung, um sich die Wartezeit für ihre koffeinhaltige Köstlichkeit ein wenig zu vertreiben.  244. Kaum mehr als die Schlagzeilen las sie jedoch nicht und flog regelrecht über die Seiten, auf der Suche nach etwas, das ihre Aufmerksamkeit fesseln würde.  245. Bei einer Kurzmeldung über eine neue Photoausstellung blieb sie kurz hängen.  246. „Impressionen einer Stadt in Sepia“ leitete den Artikel ein, der abgesehen von den nötigen Eckdaten nicht viel mehr an Inhalt zu bieten hatte.  247. Ob sie sich das mal ansehen sollte?  248. Andererseits mochte sie Bilder in Sepia weniger und bevorzugte eher noch die schwarzweißen Aufnahmen.  249. Tina riss sie aus ihren Gedanken: „Ein Freund von mir hat die Ausstellung inszeniert… wir könnten sie gemeinsam besuchen, wenn Du willst.“  250. Verführerisch rot leuchtete die süße, gerollte Sünde neben der schlichten weißen Tasse, in der ein cremiger Milchschaum auf die wartete.  251. „Weiß noch nicht so recht, ob ich wirklich Interesse dran habe.  252. Sind die Bilder denn gut?“  253. „Puh… ich finde sie zumindest einen Besuch wert, aber Du weißt ja, dass ich mich damit nicht auskenne.  254. Aber es gibt dort Häppchen!“, meinte ihre Freundin schelmisch grinsend.

 255. Kleine Krümel sonnten sich auf dem sonst blank geputzten Teller, während die letzten koffeinhaltigen Tropfen langsam zu getrockneten Bildern erstarrten.  256. Ohne einen konkreten Gedanken zu verfolgen ließ sie ihren Blick immer wieder über das Ensemble streifen.  257. Doch wie die Wolken, deren ersten Schleierfetzen nach der Sonne gierten, kamen auch wieder die stetig kreisenden Überlegungen und verdunkelten ihr kaum sichtbares Lächeln.  258. Wie weit Mark wohl schon mit der Entwicklung war?  259. Sie schwankte zwischen Neugierde und Furcht.  260. Zwischen dem Wunsch zu wissen und dem Wunsch zu vergessen.  261. Ihr Blick begann ziellos zu werden, als sie nach etwas suchte, an das sie sich heften konnte.  262. Doch sie wurde nicht fündig, sodass sie schließlich aufgab und sich in das Innere des Cafés begab, um zu bezahlen.  263. Alfreds Augen waren auf ein vor ihm liegendes kleines Solitärspiel aus dunklen, rotschimmernden Holz geschnitzt und schienen eine tiefe Ruhe auszustrahlen, die den Raum um ihn herum erfüllte.  264. Was hätte sie nur dafür gegeben, diese tiefe Ruhe selbst zu empfinden!  265. Mit einem sich fortsetzenden Klirren landeten die Münzen in der kleinen Schale, während der Kassenbon ratternd ausgedruckt wurde.

 266. Ein Schatten bewegte sich hinter ihr.  267. Stolpernd und dröhnend pochte ihr Herz, erfüllte den ganzen Raum mit einem betäubenden Rauschen.  268. Obwohl alles dagegen sprach wandte sie sich in die Richtung, aus welcher die schemenhafte Bewegung kam.  269. Vor ihr befand sich eine Glastür, welche die Konturen ihres Gesichts zeigte.  270. Dahinter konnte sie einen Garten erkennen, dessen Bäume sich sanft im Wind wiegten.  271. Wie von einem Magneten gezogen steuerte sie mit steifen Bewegungen auf die Tür zu.  272. Ohne bewusst eine Hand einzusetzen glitt die Tür zur Seite.  273. Sie zögerte an der Schwelle, ihre Hände an den Türrahmen gelegt, und blickte in den düsteren Garten vor ihr, dessen Schatten ganze Geschichten zu erzählen schienen.  274. Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus als die Atmosphäre immer weiter in ihr Bewusstsein drang.  275. Als würde sie durch Pudding waten bewegte sie sich durch die Tür hindurch.  276. Leises Geflüster, nicht für ihre Ohren bestimmt, drang an sie heran.  277. Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an die dunkle Umgebung, deren Details nach und nach sichtbar wurden.  278. Zwei sich eng aneinander schmiegende Gestalten schälten sich aus den Schatten heraus.

 279. Schwarzblaue Wolkenfelder hetzten über den Horizont der endenden Nacht.  280. Einige Minuten lang starrte sie mit unbeweglichen Pupillen an die Decke, welche vom Schattenspiel der Straßenlaternen verziert wurde.  281. Selbst im Schlaf fand sie keine Ruhe vor den Erinnerungen, die so am liebsten einfach weiter verdrängt hätte.  282. Die Bettdecke enger an sich ziehend rollte sie sich wie eine Katze zusammen.  283. Doch an Schlaf war nicht zu denken.  284. Ihre Augen wollten einfach nicht geschlossen bleiben und sogen die langsam schwindende Dunkelheit auf.

 285. Die Sonne stand noch nicht lange am Himmel als sie schließlich aufstand.  286. Unschlüssig wie die nächsten Schritte aussehen würden betrachtete sie die Dächer der Stadt, die rotgold in der Morgensonne schimmerten.  287. Ob heute schon die Bilder ankommen würden?  288. Ob sie ihren Verdacht würde bestätigen können?  289. Seufzend wandte sie sich von dem Ausblick ab, den sie sonst liebend gern ausgiebig betrachtete.  290. Sich im Gehen ankleidend bahnte sie sich ihren Weg zwischen Weg umher liegenden Büchern, halb voll geschriebenen Notizbüchern und Staubmäusen zur Küche.  291. Gelegentlich daran nippend nahm sie den Kaffee zu sich, ohne zu bemerken, dass er schon längst abgekühlt war.  292. Warten… auf ein Klingeln, ein Klopfen, einen Anruf, während die Zeit still vor sich hin tropfte.  293. Um dem zähen Fluss der Zeit zu entkommen, begann sie halb aus Langeweile und halb aus Verzweiflung ihre Wohnung aufzuräumen.  294. Am Ende sah die Wohnung fast besser aus als zu den Besuchen ihrer Eltern.  295. Auch nach einem besonders aufmerksam zubereiteten Abendessen war sie noch immer ohne Nachricht von Mark.  296. Seufzend gab sie es schließlich auf mit beschwörendem Blick auf das Telefon zu starren in der Hoffnung es so zum Leben zu erwecken.

 297. Nach einer weiteren unruhigen Nacht folgte ein zäher, scheinbar unendlicher Arbeitstag, der sie vor eine noch nicht gekannte Geduldsprobe stellte.  298. Mit dem Gefühl nichts erreicht zu haben kehrte sie am späten Nachmittag dem Schreibtisch schließlich den Rücken zu und eilte nach Hause mit einem Umweg durch den Supermarkt, um nicht hungrig vor dem Telefon zu warten.  299. Ihre Wahl fiel auf eine Tiefkühllasagne, von der sie vermutlich nach einigen Bissen genug haben würde, doch sie verspürte eine tiefsitzende Unlust länger als notwendig in der Küche zu stehen.  300. Die Post warf sie achtlos zu den anderen Prospekten, die sie irgendwann mal lesen wollte.  301. Während der Ofen vorheizte ließ sie sich vom heißen Wasser der Dusche den Alltag herunter waschen.  302. Beinahe hätte sie die Zeit vergessen, doch das leise Knurren ihres Magens erinnerte sie wieder an ihren ursprünglichen Plan.  303. Noch das Handtuch um den Oberkörper gewickelt schob sie schnell die Lasagne in den Ofen, stellte die Zeit bei ihrem abgegriffenen Kurzzeitwecker ein und schlich zurück ins Bad.  304. Mit frisch frisierten Haaren und kuscheligen Klamotten fühlte sie sich wieder menschlich und bereit für die nächsten Aufgaben.  305. Obwohl sie keine Liebhaberin von Fertig-Tiefkühl-Produkten war, roch die Lasagne doch recht verführerisch und ließ ihren Bauch noch lauter knurren.  306. Vermutlich war es am Ende auch mehr der Hunger als der Appetit, der sie die doch etwas zu groß ausgefallene Portion hinunter schlingen ließ.  307. Gesättigt, aber doch nicht zufrieden ließ sie sich müde durch das Zimmer blickend auf die Couch plumpsen.  308. Ihr Blick blieb an dem Stapel mit den Prospekten hängen.  309. Genauer gesagt blieb er an einem Stück weißen Papiers hängen, welches zwischen den bunt bedruckten Blättern heraus ragte.  310. Stirnrunzelnd beugte sie sich nach vorne und angelte nach dem Papier, welches sich schwerer heraus ziehen ließ als erwartet.  311. Schlussendlich hielt sie einen gefütterten Umschlag in den Händen, welcher sich zudem gut gefüllt anfühlte.

 312. Ein Absender war nicht zu erkennen, doch die Handschrift hätte sie jederzeit wiedererkannt.  313. Mit vor Aufregung zitternden Fingern nestelte sie so lange an dem Umschlag herum bis er sich öffnete und der Inhalt unkontrolliert heraus glitt.  314. Ein Teil glitt auf dem Fußboden unter dem Couchtisch, während der Rest inmitten der kuscheligen aus karmesinroter Baumwolle gehäkelten Kissen landete.  315. Wenngleich ein Teil mit der Rückseite nach oben zeigend zum Liegen gekommen war, erkannte sie sofort, was ihr geschickt worden war.  316. Die Bilder, auf die sie während des Wochenendes gewartet hatte, waren endlich angekommen.  317. Satte Farben lagen neben sanften Gegenlichtimpressionen, Architekturaufnahmen neben Portraits und Nahbetrachtungen neben Langzeitbelichtungen.  318. Ihre Finger strichen über die glatte Oberfläche der Photographien, liebkosten die feinen Details und schoben suchend die Werke auseinander.  319. Mit gerunzelter Stirn las sie die herunter gefallenen Bilder auf und wurde schließlich unter der Couch fündig.  320. Langsam ließ sie sich auf den Teppich sinken, die Augen starr auf das Motiv gerichtet, auf jenen Schnappschuss, der sie so aus der Fassung gebracht hatte und jetzt fertig entwickelt ihr Herz tiefer traf als bei der Aufnahme.  321. Ihre Augen folgten dem Schwung der Augenbrauen, der Form der spitzen Nase, der Ausprägung der Wangenknochen und dem spitzbübischenen Halblächeln der Lippen.  322. Alles an ihm sah anders aus, fast hätte sie ihn nicht erkannt und insgeheim wünschte sie sich, dass es so wäre.  323. Es war jene kleine und doch markante Geste, eingefangen auf Zelluloid, gewesen, an der sie ihn beim Blick durch die Linse erkannt hatte.  324. Der rechte Zeigefinger berührte ganz leicht die Nase, während die Lippen geschürzt waren und die andere Hand wie zum Pulsfühlen am rechten Handgelenk ruhte.  325. Dazu waren die Augenbrauen nachdenklich wenige Millimeter nach oben gezogen, was seinem Gesicht einen leicht faszinierten, zugleich faszinierenden Ausdruck verlieh.  326. In jeder noch so großen Menge hätte sie diese Geste wiedererkannt, die ihr Herz auch noch nach all der Zeit bewegte.  327. Mit den Fingerkuppen zeichnete sie die tiefer gewordenen Lachfalten nach, die den ihren so ähnlich waren, wenngleich ihr Gesicht stärker von den Jahren gezeichnet worden war.  328. Warum hatte es ihr keiner gesagt?

 329. Warum hatte ihr keiner gesagt, dass er noch am Leben war?  330. Warum musste sie es auf dem dreitägigen Ausflug an die Ostsee bei einer abendlichen Grillparty auf diese Weise erfahren?  331. Sie hatte nur die abendliche Szenerie zwischen Weinglasgenuss, Tanzbeinschwingen und Lichterfest verewigen wollen und war bei der Suche nach dem passenden Motiv auf jene eine Szene gestoßen.  332. Und nun hockte sie ausgelaugt von den Erinnerungen an ihren Bruder und dem Gefühlschaos auf dem kühlen Boden ihrer kleinen Wohnung und fühlte sich wie eine leere Hülle.  333. Sie hörte noch als wäre es gestern gewesen die Worte ihrer Mutter, die ihr die Nachricht überbrachte, dass ihr Bruder vermisst wurde.  334. Vermisst nach einer Photoexpedition in Texas, die er vor seinem Studium im Bereich Mediengestaltung durchziehen wollte.  335. Und jetzt, 30 Jahre später, sah sie ihn wieder und sah doch jemand ganz anderen.  336. Alles an ihm war anders, sein Stil, sein Aussehen, sein Auftreten… alles, bis auf jene eine Geste.  337. Sie wünschte sie hätte es nicht gesehen.

 338. Erst jetzt wurde ihr bewusst wie sehr sie ihr Leben von der Tatsache, dass ihr Bruder tot war, abhängig gemacht hatte.  339. Wegen ihm hatte sie begonnen zu photographieren, zu entwickeln, Photoausstellungen zu besuchen, Gespräche über Blendenzahl und Verschlusszeit zu führen und ihren Stil zu finden.  340. Wegen ihm hatte sie all die Jahre Milchkaffee mit extra Espresso getrunken und Kochen gelernt.  341. Um ihn nicht zu vergessen hatte sie so viele kleine seiner Eigenschaften übernommen.  342. Und alle hatte er abgelegt wie sie in Gesprächen vor jener markanten Geste mitbekommen hatte.  343. Sie war zu einem Schatten ihres Bruders und damit zu einem Schatten ihrer selbst geworden.  344. Ihr Blick haftete noch immer an dem Photo, ihre Finger nestelten daran herum und knickten es schließlich in der Mitte zusammen.

 345. Zwei Tage hatte es gedauert bis sie sich getraut hatte Christine, ihre Gastgeberin an jenem verhängnisvollen Wochenende, in ihrem kleinen Antiquitätenladen aufzusuchen.  346. Es roch nach Staub und Holz, das Licht brach sich in zahlreichen Gläsern und Kandelabern und hinter der Theke etwas sortierend fand sie schließlich Christine.  347. Diese fing an zu strahlen, als sie ihren Gast erkannte und begrüßte sie herzlich: „Möchtest Du eine Tasse Apfeltee?“  348. Sie spürte wieder diesen Kloß im Hals, der langsam in die Magengrube hinab sank und so nickte sie dankbar.  349. Als der Tee vor ihr stand und sie einen Schluck getrunken hatte, holte sie schließlich das Photo aus der Tasche und schob es zu Christine über den Ladentresen.  350. Ihre Gesichtszüge entglitten für einen Moment als sie ihn auf dem Photo in dieser Haltung sah und formten sich schließlich zu einem Lächeln, welches angestrengt, künstlich und um Fassung bemüht wirkte.  351. „Warum… warum?“, fragte sie leise und schließlich vor Wut, Verzweiflung und Unverständnis immer lauter werdend „Warum… habt… Ihr… es… mir… nicht… gesagt?“  352. Das letzte Wort hatte sie fast geschrien und in der darauf folgenden Stille starrten sich die beiden an bis Christine räuspernd ihren Blick senkte.  353. „Er… wollte es so. “  354. Wie betäubt blickte sie in die grasgrünen Augen ihres Gegenübers und hörte sich selbst wie sie krächzend die Worte wiederholte während etwas in ihr wie ein Kartenhaus zusammenfiel.  355. Christine versuchte zu erklären, verwendete Worte wie „Er fühlte sich von Dir aufgesogen wie ein Schwamm“, „Er wollte neu anfangen“ und „Er wollte dass auch Du ein eigenes Leben führst“ und erreichte damit nur noch größeres Chaos.  356. Sie wusste nicht mehr was sie denken oder tun sollte und fühlte sich verraten… verraten von einer engen Freundin der Familie, verraten von ihrem Bruder.  357. Wenn sie Christine nicht über den Weg gelaufen wäre, hätte sie nicht die Einladung bekommen, hätte sie nicht das Photo gemacht und würde immer noch ihr altes Leben führen anstatt vor einem Scherbenhaufen zu sitzen.  358. „I-ich.. wo… wollte ihm doch… i-immer nur nah… sein“ stammelte sie hilflos und spürte wie Tränen und Schluchzer in ihr hochstiegen.  359. Christines Finger legten sich über die ihrigen und drückten sanft zu.  360. „Du bist ihm nah… aber Du bist nicht mehr Du selbst seid er damals verschwunden ist und Du…“ redete Christine weiter, doch die letzten Worte hörte sie nicht mehr als sie sich losriss und blindlings aus dem Laden stürzte.

 361. Sie rannte bis ihre Lungen schmerzten und sie nach Atem ringend zum Stehen kann, sodass sie erst jetzt bemerkte wohin sie geflüchtet war.  362. Weiße Lilien auf grünem Grund schimmerten im Licht des Tages und zogen sie magisch an, sodass sie nur wenige Augenblicke immer noch leicht Atem ringend an der Theke des Cafés stand.  363. Mit leicht besorgt zusammengezogenen Augenbrauen kam Tina auf sie zu und meinte halb im Scherz, dass es durchaus noch genug Milchkaffee mit doppelten Espresso für sie gab und zückte ihren Bestellblock.  364. Zu Atem gekommen öffnete sie ihre Lippen, um wie automatisiert das Übliche zu bestellen als ihr wieder Satz ‚Du bist nicht mehr Du selbst ‚ durch den Kopf ging und ihre Augen über die Angebotstafeln huschten.  365. Lächelnd bestellte sie ihr Lieblingsgetränk.

EmailTwitterPinterestTelegram

Ein Gedanke zu „Jahresprojekt 2014“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ein bisschen Mathe jeden Tag * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.